Rügen Wanderung 2010: Mission Seeadler

Die Ritterkreuzfeier vom 'Alten' im Offizierskasino

Blick zum Kap Arkona

Nach einigen Wirren bezüglich Zeitpunkt und Teilnehmer wurde die diesjährige Wanderung abermals an die Nordküste Rügens gelegt. Die Mission war auf vier Tage angelegt und startete am 12. August 2010 im Wedding, also am direkten Einstieg in den Jasmunder Nationalpark am nördlichen Stadtrand von Sassnitz.

Das Team bestand aus 'dem Alten', welcher sich mit dieser Tour aus dem aktiven Dienst verabschiedete. Neu dabei und somit das Greenhorn der Truppe war 'der Junge'. Ausserdem war mit Onkel Ralf noch ein weiterer alter Hase mit an Bord.

Tag 1

Jasmunder Nationalpark
Blick auf die Kreidefelsen
Kräftiger Regenschauer
Am Abgrund
Verschlungene Pfade
Viele Buchen
Kreidefelsen

Gegen Mittag erreicht die Gruppe den Startpunkt am Jasmunder Nationalpark und überantwortet das Fahrzeug für lockere 16 Euro den wachsamen Augen der Nationalpark(platz?)Wächter, welche das grob umrissene Vorhaben unerwartet wohlwollend kommentieren.

Um die Abschiedstour des Alten angemessen zu feiern, wird aber zunächst das erstbeste Lokal angesteuert. Leider lässt die Gastfreundschaft in Hoffmanns Stübchen unter Hoffmans Carport etwas zu wünschen übrig. Auf die Bitte, ihm eine Flasche Wasser zu verkaufen, wird der Junge schmal-lippig auf den nächsten Supermarkt in zirka einem Kilometer Entfernung verwiesen. Immerhin lässt man sich dann mit der Bearbeitung der Küchenorder soviel Zeit, dass im Moment des Servierens bereits eine Flasche Wasser aus eben jenem nächsten Supermarkt auf dem Tisch steht.

Das Team bricht auf und der Alte verkündet Lohme mit einer geschätzten Marschlänge von 15km als Tagesziel. Die ersten Kilometer gehen locker unter den Füssen durch und bieten im Anmarsch auf die Stubbenkammer bereits eindrucksvolle Naturbilder. Unterwegs gibt es Wegpunkte, an denen von Ritualen und Traditionenspflege gesprochen wird.

Die Viktoria-Sicht, von einigen auch fälschlich als Louisen-Sicht bezeichnet, bietet einen traumhaften Blick auf die Kreideklippen.

Die Imbissbuden an der Stubbenkammer bilden den ersten Rastpunkt. Das Crépes-Häuschen hat dem kulinarisch Abenteuerreisenden einiges zu bieten. Hier kann man sich von der Bedienung, Typ "Pralinchen", unglaublich lustlos einen Bismarkhering zwischen die Brötchenhälften werfen lassen. Aus hygienischen Bedenken greift das Team zu Flaschenbier.

Vorbei am Königsstuhl fällt die Entscheidung die Nordroute direkt am Ufer zu nehmen. Der nunmehr menschenleere Pfad führt am Hang durch Urwald, den die sich senkende Sonne in wunderbares Licht taucht. Allerdings verdichten sich auch die Zeichen auf Regen. Während die ersten Tropfen noch mit fahrlässiger Gelassenheit hingenommen werden, wird das Trio kurz vor Lohme von einem losbrechenden Gewitter und wolkenbruchartigen Regen an die Realität der Wettervorhersage erinnert. Zwar kann der Alte mit seinem Tarp - einer Regenplane - schlimmeres abwenden, dennoch bleiben erste Zeichen von Verunsicherung.

Bei nur noch leichtem Niesel erreicht die Gruppe Lohme, wo der Hafenmeister eben noch ein paar Würstchen auf den Grill legt. Dass das Live Konzert des ebenfalls gerade eingetroffenen Rostocker Posaunen Quartets sprichwörtlich ins Wasser fallen wird weiss er da noch nicht. Der Alte führt die Gruppe zielsicher in seine Stammkneipe, Daheim Essen ist das Motto. Bei deftigen Fischgerichten vom Dorsch und Hering lauscht man dem über dem Ort liegendem Gewitter, welches sich mit unglaublichem Zorn ausschüttet. Offenbar an Seemannsgarn aufgehängt war das riesige Bild eines Dreimasters, welches laut krachend auf einige der Gäste niederkracht. Da fehlen selbst dem Wirt die Worte. Aus Kulanz für mögliche physische oder psychische Schäden bietet er dem betroffenen Tisch ein Glas Schnaps an und überlässt die Wahl, wer es wohl trinken dürfe der Runde - möchlicherweise ein Zeichen nordischer Gastfreundschaft. Der nicht nachlassen wollende Regen zwingt dem Team die nicht unerfreuliche Bekannschaft mit 'Rostocker Kümmel' auf. Kurz darauf erklärt sich der Alte bereit, den Regen wegzutrinken. Selbstverständlich steht ihm die Truppe dabei nach Kräften zur Seite.

Später, nach deutlicher Überziehung der Sperrstunde, wird die Gruppe unter mitleidigen Blicken in den immernoch niederprasselnden Regen entlassen. Beim Erreichen des Schlafplatzes, eines kleinen Steinstrandbereichs östlich des Yachthafens, sind unsere Protagonisten bereits bis auf die Haut nass.

Nochimmer regnet es in Fäden vom Himmel. Zwar sorgt die Regenplane des Alten für gefühlten Regenschutz, kann aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass alles nass wird, selbst die Geldscheine in der Lederbörse tief im Rucksack. Für den Jungen sollen die folgenden endlos scheinenden Stunden die erste grosse Geistesprüfung dieser Reise werden - immerhin könnte man in drei bis vier Stunden nach Sonnenaufgang wieder am Auto sein... Irgendwann in der Nacht hört der Regen auf und tatsächlich finden die Drei ein wenig Schlaf.

 

Tag 2

Urwald
Lagerplatz
Waldweg
Strandweg
Große Kieskörnung
Sonnenuntergang

Am Leib trocknet diese moderne Funktionskleidung tatsächlich erstaunlich schnell, hinderlich sind lediglich Komfortzugeständnisse wie Baumwollunterwäsche. Zum Frühstück führt der Alte die Truppe zum Dorfladen mit angegliederten Bistro und Zeltplatz. Allerdings verwährt der Chef den Zutritt zum Bistro mit der Ansage man hätte zu arbeiten. Auch die ihm erstaunlich ähnlich sehende Verkäuferin an der Kasse entgegnet auf die Frage nach Kaffee - direkt neben der Kasse steht eine Kaffeemaschine - dass dafür keine Zeit sei weil sie zu arbeiten hätte. Den Gedanken, dass Kaffeekochen Teil dieser 'Arbeit' sein könnte, scheinen die Verkäufer nicht mit unseren drei Reisenden zu teilen. Immerhin verkauft man Backwaren, welche nach der vorangegangenen Nacht grossartig schmecken, nicht auszudenken welche Freude ein heisser Kaffee hätte bereiten können. Satt vom übersättigten Lohme bricht die Truppe auf. Onkel Ralf murmelt noch was von eisernen Besen.

Der Alte gibt das Tagesziel mit Glowe an, Bisdamitz wird als Zwischenziel angepeilt. Die Truppe entscheidet sich weiter am Ufer zu laufen, wo der offenbar wenig genutzte Weg durch wunderbaren grünen Urwald führt. Bisdamitz ist schnell erreicht und die Natureindrücke machen den Albtraum der letzten Nacht vergessen. Bisdamitz scheint von der Sorte 'kommerzieller Ökohof für Grossstädter'. 'Herzlich Willkommen' Schilder stehen direkt neben 'Unbefugten ist der Durchgang verboten' Schildern und für nur wenige Euro können die Kinder eine Ziege anfassen. Dazu gibts ein in nachhaltiger Architektur verwirklichtes modernes Hofgeschäft mit Restaurant. Unser Team freut sich auf Kaffee. Dazu gibts Biokuchen. Zum Nachtisch gibt es noch eine kleine Überraschung. Einer der Väter trägt ein T-Shirt auf dem man was mit 'hemp' liest.

Die grosse Wiese auf dem Weg zurück zur Küste und der inzwischen aufgerissene Himmel empfehlen sich für eine grossangelegte Trockenlegung des Materials. Ein, zwei Stunden später ist nahezu die komplette Ausrüstung wieder trocken und unser Trio zieht weiter nach Westen. Der Uferweg scheint zunächst genauso durch den Urwald weiterzuführen, verläuft sich aber nach kurzer Zeit im Unterholz. Das zwingt unsere drei Freunde direkt hinunter ans Ufer zu wechseln, wo das weitere Vorankommen durch höchst unkomfortable Kieskörnung von 30 - 300mm stark erschwert wird.

Als Sonderprüfung baut Onkel Ralf einen kleinen Ausflug durchs Unterholz und entlang eines brusthoch mit Brennnesseln und Disteln gesäumten Weizenfeldes ein. Prompt kontert der Alte mit seiner Variante einer Sonderprüfung: die Regenplane ist weg. Die abgeklärte Überlegenheit des Alten offenbart sich einmalmehr im Fundort der Plane: deutlich vor Onkel Ralfs Abzweig ins Unterholz. So leicht macht man dem Alten nichs vor.

Kurz vor Glowe ist es wieder Onkel Ralf, der einen Durchbruch durchs Unterholz und damit eine Abkürzung ins Dorf anführt. Wärend sich der Junge noch über den gewählten, für niederwüchsiges Wild sicher geeigneten Pfad beschwert, entgeht ihm, dass genau diese Routenwahl wesentlich für den weiteren Verlauf der Tour sein würde. Kurz hinter dem Ortseingang von Glowe kommt links ein Camping- und Baumarkt. Die Erfahrung der letzten Nacht und die Wettervorhersage der Kommenden erforderten eine Anpassung der Ausrüstung. Eine halbe Stunde später blicken die Jungs auf eine Militärausrüstung, welche später an der Fischbude bei Einheimischen anerkennende Worte finden wird.

Onkel Ralf kauft den Fischkiosk leer und danach gehts runter an den Sandstrand. Das Bad ist herrlich. Im Anschluss gibts noch ein Süppchen und ein paar Bier in einem witzigen Ensemble aus Imbissbuden. Das letzte Bier leert sich am Strand umschwärmt von Mücken und vor der Kulisse eines grandiosen sich am Himmel abspielenden Sonnenuntergangsspektakels.

Später gehts noch zirka zwei Kilometer Richtung Westen auf die Schaabe. Bei einem gemütlichen Lagerfeuer zur Mückenabwehr lässt das Team den Tag ausklingen. Auch der Junge schien endlich gebrochen. Der Widerwille, sich den Unwirtlichkeiten der Natur hinzugeben, den er in der Nacht zuvor noch so deutlich spürte, schien sich endlich aufzulösen.

Das Wetter und die Militärausrüstung machen den Biwakbau im weichen Sand zum Kinderspiel und bald schlafen unsere Protagonisten.

 

Tag 3

Steinstrand nach Juliusruh
Hünengrab
Ziel erreicht
Schwieriger Abschnitt
Schlafplatz

Die Nacht brachte einige Schauer, welche jedoch erfolgreich abgewehrt werden konnten. Die Ausrüstung hat ihre Feuertaufe bestanden. Nach einer Handvoll Studentenfutter geht es weiter westwärts. Als Tagesziel wird das Kap anvisiert.

Um besser voran zu kommen wechselt die Gruppe vom Sandstrand auf den Weg hinter der Düne, allerdings wird der bessere Laufgrund mit Mücken und Bergen unschöner touristischer Hinterlassenschaften bezahlt. Kurz vor Juliusruh, wo man Frühstück fassen will, gibt es noch mal einen Abstecher an den wunderbaren Sandstrand inklusive eines revitalisierenden Bades. In Juliusruh angekommen führt der Alte die Truppe zielsicher zur Breegener Fischräucherei. Im freundlichen Imbissambiente gibts Kaffee und eine bunte Auswahl an Fischprodukten - nicht jedermanns Frühstücksgeschmack aber nahrhaft. Ein abermals vorbeiziehender Regenschauer zwingt die Jungs hier bis mittag zu bleiben. Die Musikauswahl des regionalen Privatradiosenders gefällt.

Später geht es zunächst weiter am Strand Richtung Norden. Die Kieskörnung nimmt wieder zu und wieder ist es Onkel Ralf, der die Gruppe einen quasi unpassierbaren Hang hinauf durch eine Hecke hindurch auf einen sehr komfortablen Weg führt. Quasi von selbst läuft es hier vorbei an romantischen Höfen, Hünengräbern, teuer wirkenden Ferienhäusern und einem heute leider geschlossenem Romantischen Cafe direkt an der Kliffkante.

Bei abermals aufziehendem Regen marschiert das Trio am späten Nachmittag in Vitt ein. Hier ergattern sie einen wunderbaren Terassenplatz im Offizierskasino und geniessen den unverstellten Blick auf das Schauspiel eines sich abermals zornig entladenden Gewitters. Neben einer Kleinigkeit zu Essen gibts Bier und der alte Kumpel 'Rostocker Kümmel' gesellt sich auch wieder an den Tisch. Die Strapazen der letzten Tage und Stunden sind vergessen und es wird ausgelassen gefeiert. Vor dem Hintergrund des anhaltenden heftigen Regens missfällt die Tatsache, dass es im Casino keine Toiletten gibt. Aber auch hier zeigt der Alte gewohnt souverän Wege auf.

Als es der Truppe kurz vor Sonnenuntergang endlich gelingt den Regen wegzutrinken, geht es nach einem kurzen Flirt mit dem Servicepersonal auf die letzten Meter zum Endziel - dem Seeadler. Getragen von Rausch geht es vorbei am Leutturm direkt auf den nördlichsten Landpunkt zu - Mission erfüllt!

Als Schlafplatz empfiehlt der Alte weiter westwärts zu ziehen. Leichtfüssig tänzelt die Truppe vor gewaltiger Kulisse und heftiger Brandung über die glitschige Uferpassage. Bald erreichen sie wieder Sandstrand allererster Güte. Nach einem erfrischendem Bad in der Brandung wird das Lager aufgeschlagen. Die Feuchtigkeit und die bei allen Teilnehmern inzwischen stark abbauende Konstitution verhindert ein letztes romantisches Lagerfeuer. Auch die Kunstfertigkeit des Lagerbaus leidet etwas unter der Last des inzwischen lähmend drückenden Rauschzustands. Dennoch finden die Drei schnell in den Schlaf.

 

Tag 4

Herrlicher Sandstrand

Nach einer verregneten Nacht bricht die zum Teil verkaterte Truppe zum Leuchtturm auf. Man ist erstaunt wie weit man am Vortag noch gelaufen war.

Am Imbiss gibts erstmal Kaffee, Fischbrötchen und Erbsensuppe. Nachdem man eine Weile dem Schauspiel der immer wieder Menschenmengen auskippenden albernen Touristenbimmelbahn zuschaute, gehts selbst in selbige. Für je 2 Euro fährt die Truppe videoüberwacht mit der Bahn nach Puttgarten, wo es weiter zum Bus gehen soll. Tatsächlich steht dort auch nach nur zehn Minuten der passende Bus bereit, allerdings wird er erst eine Stunde später abfahren. Was der Busfahrer bis dahin tut sieht nach klassischem Zeittotschlagen aus. Anders unsere Jungs, welche sich in Sichtweite auf der Wiese ausbreiten und sich geistig auf das Ende der Reise vorbereiten.

Zurück in Sassnitz redet der Busfahrer an der Haltestelle Bahnhof plötzlich von Endstation und Aussteigen, was nochmal zwei Kilometer Fussmarsch zurück zum Auto bedeutet. Die Parkranger erwarten unsere Jungs bereits freudig und sind überrascht, in welch gutem Zustand die Truppe trotz der Wetterlage zurückkehrt. Sie konnten nicht wissen, dass die Truppe vom Alten geführt wurde.

Auf der Rückfahrt gibts noch einen Abstecher nach Prora, wo man nach kleinem Snack am Stammimbiss vom Alten noch mal die letzte Chance auf klassischen Ostseestrand und die Möglichkeit auf Trockung und Grobreinigung der Ausrüstung nutzt.

Fast pünktlich zum Polizeiruf schlägt die Truppe am Sonntagabend wieder in Berlin auf.

 

 

der Junge

» der_junge(at)entdeckungsreisender.de

 

 

Fotos von "Onkel Ralf" und dem "Alten"

Leserkommentare

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Dajana aus Berlin
  Friday, 29-10-10 22:29
Ich habe ja einige Male schmunzeln müssen. Wobei ich ja Rügen nach meinen letzten Besuch aus der Landkarte geschnitten hatte. Aber die Höfflichleit gegenüber Reisenden kann ich nur bestätigen!
Nach Kaffe in ein Bistro zu frgen tze...:-))

Wasma Hatdahatma
  Tuesday, 24-08-10 09:26
Mensch Jungs, gibt es bei euch in Teutschland keine Cabanjas? Bei solchem Regen kann man sich doch den Tod holen. Passt bloß auf und nehmt ein Erkältungsbad.
Ich freue mich, euch im Winter in Südamerika begrüßen zu dürfen. Hier ist es warm und es regnet nicht. Und von den Bistroverkäufern gibt es auch immer Kaffee.

Eure euch liebende Wasma

onkel ralf aus onkelralfenberg
  Tuesday, 24-08-10 01:05
gute mannschaft, gute mission. danke. ralf

xxlfighter
  Tuesday, 24-08-10 01:01
Der 'Alte' plant offensichtlich jetzt schon sein Comeback. Fehlt ihm die Truppe also doch schneller als erwartet. Und 'Der Junge' scheint gut zu sein, sollte in der Schreibstube anheuern.

bert
  Monday, 23-08-10 18:52
Hat Spaß gemacht mit Euch, hoffe nächstes Jahr wieder. Hab mir schon eine neue Wander-Tour überlegt.