Abschiedstour

London, zweites Dezemberdrittel 2005

Ich kann nicht leugnen, dass sich bei mir in den letzten Tagen ein gewisses erhabenes Gefühl breit macht. Wenn ich so durch die Straßen laufe, freue ich mich, dass ich mir diese stressige Stadt bald nicht mehr antun muss. In diesen Augenblicken wird mir immer mehr bewusst, dass London nicht meine Stadt ist. Ich freue mich auf Berlin. Dort lebe ich einfach besser.

Cancelled

Trotz alle dem mag ich grundsätzlich keine Abschiede, aber manchmal geht es nicht anders. Der erste ist auch der schwerste. Mit Bayerns Stern des Südens verbringe ich die letzten gemeinsamen Stunden. Das als private Weihnachtsfeier getarnte Treffen wird - wie man so schön sagt - zur Trennung im gegenseitigen Einverständnis. Es ist ein grausamer Abschied und ein emotionaler Tiefpunkt in meinem Leben. Was bleibt ist ein Trümmerhaufen. So kübeln wir uns zum Abschied gemeinsam im Bistrotheque noch ein paar Flaschen Sekt in die geschundene Seele, verteilen uns anlässlich des bevorstehenden Weihnachtsfestes noch gegenseitig ein paar kleine Geschenke und sagen Adios, mach’s gut, vielleicht in einem anderen Leben. Es gibt kein „Superplatsch“ Happy End und wird es nie geben. Sehr sehr schade, aber so ist es nun mal. Der Auftrag lautet jetzt, sich damit abzufinden, ohne dabei in mehrjährige Depressionen und dem Alkohol zu verfallen. In der IT-Branche gibt es dafür eine mehrstufige Therapie, die sich wie folgt zusammensetzt: Festplatte löschen, neues Betriebssystem installieren und den Rechner neu booten. So werde ich es auch machen. Wird nicht einfach und auch etwas dauern, aber es wird klappen. Ich weiß es. Mach’s gut Steffi. Ich werd’ dich und das was ich mit dir erlebt habe nie vergessen. Es war sehr schön, dich kennen gelernt zu haben. (Zur Erklärung: Der Begriff „Superplatsch“ entstand in mühevoller Kleinarbeit mit einem Kugelschreiber an der Längskante des Holztisches in der Clubgarderobe, wo wir beide gearbeitet haben. Aus den Nicknames Supermikrobe und Pittiplatsch wurde Superplatsch. Süß, oder?)

Crouch End

Ein weiterer Abschied führt mich in den Norden Londons nach Crouch End. Dort wohnt Franka in einer WG mit einem ganzen Sack voller Engländer, die alle sehr nett sind. Nach dem Essen in einem griechischen Restaurant habe ich bis zum nächsten Job noch ein paar Stunden Zeit. So einigen wir uns noch auf ein Video. Als Gast darf ich die große Ledercouch im Wohnzimmer benutzen. Mir wird eine Wolldecke gereicht und Tee angeboten. Franka weiß, dass es mir gerade scheiße geht. Umso dankbarer bin ich in diesem Augenblick für ein paar Stunden Geborgenheit, was sehr gut tut. An dieser Stelle wird mir auch noch mal deutlich bewusst, wer mir eigentlich in London nicht nur den Start um ein Wesentliches erleichtert hat. Angefangen bei der preiswerten Unterkunft in den ersten Wochen, wertvollen Tipps und Hilfe für die Wohnungs- und Jobsuche, kurzfristigen Flugbuchungen per Kreditkarte bis hin zu diversen Ausflügen in die City um Land + Leute kennen zu lernen und noch viel viel mehr… Für diesen Support gebührt Franka mein ehrlicher und aufrichtiger Respekt und Dank. Wenn ich dir mal wieder einen Gefallen tun kann, sag mir einfach Bescheid. Die 4 Wochen Pazifik Kreuzfahrt steht wie gehabt. Für dieses Dankeschön fehlen mir zurzeit allerdings noch die finanziellen Mittel. So bald möglich, wird dann aber gebucht. Bist ein Schatz. Vielen Dank für alles.

Baker Street Station

Weitere Abschiede folgen. So treffe ich mich noch mit Till, bei dem ich in den Anfangszeiten für zwei Wochen in Wembley untergekommen war, zum Mittagessen. Bei der Gelegenheit werde ich auch gleich noch meinen CD-Player los. Wir fühlen uns wie gerissene Gauner, als wir vor der Bakerstreet Station unser Geschäft mit dem CD-Player abwickeln. Von Annika, Helen, Kerry, Martina und Jackie verabschiede ich mich per Telefon. Bei Berit und Donatella geht keiner ran, deswegen muss der Short Message Service herhalten. Im Three Kings gibt’s an meinem letzten Abend live das DFB Pokalachtelfinale Bayern – HSV (1:0 n.V.) zu sehen. Die Gelegenheit nutze ich, um mich persönlich von den Callcenter-Jungs (Jaron, Martin und Marcel) bei ein paar Shots und Pints zu verabschieden. An dieser Stelle noch ein Wort zu einer HSV Legende: Mit Martin, dessen Herz für die Norddeutschen schlägt, sind wir uns einig - der fränkische Metzgersohn Bernd Hollerbach, bekannt für seine rustikale Spielweise, war, ist und wird es immer bleiben - das größte Schwein der Liga.    

Ich wünsche Euch allen alles Gute und dass es Euch wesentlich besser in London gefällt als mir. Wir sehen uns wieder.

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