London, erstes Dezemberdrittel 2005
In meiner Wohnung gab es zwei Badezimmer, eins mit Dusche, das andere mit Badewanne. Letzteres konnte man nur über Helens Zimmer erreichen. Helen wollte immer vorher gefragt werden, wenn man dieses Badezimmer nutzt. Sie wollte halt die Unordnung in ihren Privatgemächern vertuschen. Mir war es scheiß egal, wie es in ihrem Zimmer aussah, mich interessierte lediglich die zeitunabhängige Nutzung der Badewanne. Und so kam es dann auch irgendwann, dass ich eines Abends unter Zeitdruck stand, weil ich arbeiten musste, aber noch dringend eine Dusche brauchte. Die Dusche spendete allerdings nur kaltes Wasser, blieben also noch zwei Alternativoptionen – entweder ein Schaumbad nehmen oder ungeduscht zum Job hetzen. Letzteres fiel grundsätzlich aus und so kam es, dass ich aus Zeitmangel und ohne Erlaubnis badete. Helen und Kerry waren nicht da und mir war es ehrlich gesagt auch einfach zu blöd, ne SMS zu schicken oder gar anzurufen, ob ich denn bitte baden dürfte inklusive dem Risiko, keine Badeerlaubnis zu bekommen (weil sie nicht da ist und somit ihren Trümmerhaufen nicht vorher aufräumen kann). Außerdem bin ich kein kleines Kind mehr, was wegen jedem Scheiß seinen Vormund fragen muss. Leider vergaß ich in der ganzen Hektik, mein Duschbad wegzuräumen und so flog meine illegale Aktion am nächsten Tag auf. Der Haussegen hing schief, Helen war stinksauer und schloss seit diesem Tag immer ihr Zimmer ab, wenn sie aus dem Haus ging. Vertrauen sieht anders aus und Baden hatte sich auch erledigt. Als dann auch noch die Toilette im Duschzimmer versagte und der Klempner ein paar Tage auf sich warten ließ, hatte ich zeitweise auch ein weiteres Problem – wo kann ich nach dem Aufstehen für kleine Jungs gehen? Im Garten vielleicht wo das ganze Haus zuschauen kann oder vielleicht unter der Dusche bei eventuellem Kaltwasser oder gehe ich extra in ein Restaurant oder Cafe und nutze dort die sich bietenden Gelegenheiten? Ich habe alle Optionen genutzt. Aber genug der Details und weiter mit der nächsten Anekdote.
Für 14 Tage nächtigte Marny (eine Freundin von Kerry) bei uns. Beim Einzug pfuschte die Umzugsbagage das Haustürschloss kaputt. Glücklicherweise gab es ein zweites Schloss, damit wenigstens die Tür verriegelt werden konnte. Als ich dann am Abend des Umzugs in den Club zum Schindern musste, war es mal wieder ein Wettlauf gegen die Uhr und so blieb keine Zeit, meinen Schlüssel für das Ersatzschloss auf Passgenauigkeit zu prüfen. Kerry versicherte mir aber nach einem kurzen Blick auf mein Schlüsselbund, dass ich einen passenden Schlüssel hätte. Alles klar. Ich brachte die Nacht hinter mich und stand dann Samstag früh um 6.30 Uhr vor meiner Haustür. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Haustür zu öffnen, wurde mir der Super GAU bewusst – der Schlüssel passte nicht. Mir war kalt und müde und vom Job war ich auch angenervt. Ich war restlos bedient. Fluchtiraden folgten und auf dem Höhepunkt meiner Aufregung wünschte ich mir, skrupellos die Haustür mit einer Axt oder einem liebevollen Fußtritt öffnen zu können. Ich bekam mich aber wieder ein und suchte stattdessen nach sinnvollen Lösungen für das Problem. Helen war an diesem Wochenende verreist und Marny verbrachte die Nacht bei ihrem Freund. Ich wusste aber, dass Kerry und ihr Macker David da waren. Deshalb probierte ich ein alt bewährtes Mittel – Sturmklingeln. Die beiden grunzten allerdings wie Grizzley Bären im Winterschlaf. Dann versuchte ich es mit einem Anruf auf ihrem Handy, das war allerdings ausgeschalten. So blieb es bei einer Nachricht auf ihrer Mailbox. Vielleicht, dachte ich, gibt es ja auch einen Trick, den Sesam zu öffnen und den weiß bestimmt auch die Helen. Deshalb rief ich Helen an, sie nahm aber nicht ab, reagierte aber komischerweise kurze Zeit später auf meine nachfolgend gesendete SMS. In dieser teilte sie mir mit, dass es wohl einen Trick gebe, dieser galt allerdings für das kaputte Schloss. Und dann meinte sie auch noch, dass Kerry, wenn sie schlafen geht, ihr Handy immer aus macht und an den Wochenenden auch erst Vormittag wieder anmacht, damit sie nicht in ihrem wohlverdienten Schlaf gestört wird. Na fein. Danke für die aufbauenden Worte. Die Kälte wurde unangenehmer. Ich erinnerte mich in diesen Augenblicken an die Erlebnisberichte meines Bruder, der einst während seiner Elektrikerlehre zu Montagezeiten in Klettwitz sich beim Kabelklemmen bei 20 Grad Nassen die Pfoten abzitterte. Sorry, tut mir sehr leid, was Dir da passiert ist. Ich geh jetzt erstmal zum Portugiesen um die Ecke, einen Kaffee trinken und mich ein wenig aufwärmen. Im portugiesischen Cafe war der ganze Tresen mit Schnauzbärten besetzt, die Zeitung lasen, Frühstücksfernsehen schauten oder einfach nur rumlungerten. Mein erster Kaffee wurde mir noch in einer normalen Tasse serviert, der zweite dann allerdings im Plastikbecher zum Mitnehmen. Hier wurde mir also auch ein warmes Plätzchen verwehrt. So zog es mich dann wieder zurück zum erfolglosen Sturmklingeln. Die Grizzleys schliefen immer noch wie die Steine. Den nächsten Kaffee holte ich mir bei der Tankstelle und dazu eine dicke Tageszeitung. Auf den kalten Steinen vor meinem Haus hätte ich mir im Sitzen garantiert etwas weggeholt und krank zu sein, war nun wirklich das Letzte, was ich gebrauchen konnte. So setzte ich zum dritten Sturmklingeln an. Es war sinnlos und die Uhr stand mittlerweile auf 8.30 Uhr. Da fiel mir meine Freundin ein, die am anderen Ende der Stadt in Bethnal Green wohnte. Die Option, sie aus dem Schlaf zu reißen, wollte ich eigentlich nicht ziehen, weil das Mädel sich gerade mit 3 Jobs über Wasser hielt und ihre Batterien dementsprechend auch auf Reserve liefen. Aber ich wusste jetzt wirklich nicht weiter und schickte eine Not-SMS. Diese kam auch an und wurde gelesen und es wurde auch eine Antwort geschickt, dass ich zu ihr kommen könne, aber bei der Zustellung versagte die moderne Mobilfunktechnik und so kam ein weiteres Missverständnis dazu. Aber egal. Das Warten in der Morgenkälte ging jedenfalls weiter. Irgendwann gegen 9 Uhr trug das Sturmklingeln dann doch noch Früchte – David öffnete schlaftrunken die Tür und erlöste mich von diesem üblen Erlebnis. Als mir am Nachmittag dann Kerry über den Weg lief, brachte sie wenigstens eine ehrliche Entschuldigung über die Lippen die ich auch annahm. Mein erster Gang an diesem Tag führte mich zum Schlüsseldienst, damit sich so ein Morgen nicht noch einmal wiederholt.
Als mich die Jungs aus Berlin besuchten, waren Dank Frankas großem Haus ausreichend Schlafplätze gesichert. Mit einer Ausnahme – die Nacht von Frankas WG Party. Für Jason und Jens hatte ich deswegen das Wohnzimmer freigepresst. Nach der durchzechten Nacht verlief auch alles im sachlichen Rahmen. Nach der Heimfahrt mit dem Taxi machten sich es die Jungs mit Schlafsack und Isomatte im Wohnzimmer bequem, zogen ihre Schuhe aus, machten kein Dreck und verhielten sich ruhig. Ich hatte beide im Vorfeld gebrieft, auf was es zu achten gilt, damit ich keinen Stress mit den Weibern bekomme. Mittag standen wir auf, tranken ein Kaffeechen und trafen uns dann mit dem Rest der Bagage in der Stadt. Aus Zeitmangel wollte ich erst am Abend das Wohnzimmer saugen, obwohl kein Dreck gemacht wurde. Unsere drei Kaffeetassen, die in der Küche standen, waren auch noch abzuwaschen. Also kein Grund zur Panik. Als ich dann jedoch nach Hause kam, war Helen gerade dabei, im Wohnzimmer Staub zu wischen und zu saugen. Irgendwie war Helen heute eine Laus über die Leber gelaufen. Als ich ihr erklärte, dass ich meine häuslichen Pflichten in die frühen Abendstunden verlegte, frotzelte sie mich an und machte mir ein schlechtes Gewissen. Aus Alibigründen putzte ich dann noch schnell das Bad, saugte den Flur und kümmerte mich noch um die drei Tassen vom Mittagskaffee, damit Madam wieder bessere Laune bekommt. Aber an diesem Abend wollte sie keinen Frieden mit mir schließen und ich auch nicht, weil es mir echt eine Nummer zu doof war, mich wegen Lappalien anmachen zu lassen.
Wenige Tage später kam dann auch was kommen musste. Das Fass war nach der Schlafaktion von Jason und Jens übergelaufen. Meine launischen Diven baten mich zu einem klärenden Wort. Ich ahnte schon was kommt. Bis Mitte Januar hatte ich Zeit auszuziehen. Sie wollten mich raus haben und ehrlich gesagt, ich war froh über dieses Angebot. Wie oft hatte ich mich in den letzten Wochen dabei erwischt, zu hoffen, dass von den beiden niemand da ist, wenn ich nach Hause komme. Das Verhältnis wurde immer distanzierter und kälter. Es passte einfach nicht. Außerdem musste ich somit auch nicht meine Mindestlaufzeit von 6 Monaten absitzen. Die Bude war mir bei meinen mittlerweile beschränkten finanziellen Mitteln auch einfach zu teuer. Ich könnte hier noch weiteren Content zum Thema veröffentlichen, aber ich glaube, die vor genannten Beispiele sind ausreichend, um meine Wohnsituation aussagekräftig zu schildern. Es war eine tolle Zeit hier in der 21 Aldebert Terrace. Macht’s gut Mädels und noch mal danke für alles. Ihr wart wie eine Familie für mich.



