Das Tottenham-Trauma

London, September 2005

Der nächste Auftrag lautete, sich ein Zimmer zu suchen. Bekanntlich ist London ja ein teures Pflaster, was auch insbesondere auf den Mietspiegel zutrifft. Hat man hier erst mal einen Job, ist es ratsam, sich eine Unterkunft zu suchen, die eine Anreisezeit zur Arbeit von max. einer Stunde nicht überschreitet. Aus Erfahrung kann ich dies bestätigen. Als ich für zwei Wochen in Wembley stationiert war, brauchte ich jeweils früh und abends 1,5h zu Fuß, mit der U-Bahn und der englischen Reichsbahn, ich musste zweimal umsteigen und teilweise auch stehen, weil die Züge voll waren. Es war echt zum Kotzen!

Bei meiner Zimmersuche wurden mir zum größten Teil abgewichste und überteuerte Rattenlöcher angeboten, von der Umgebung mal ganz zu schweigen. Irgendwie versuchen die Leute hier, aus ihren keimigen Abstellkammern Kapital zu schlagen. Ein Rattenloch bekommt man hier schon ab 50 Pfund (= 75 Euro) / Woche. Ein Schnäppchen ist mir bei meinen ausgiebigen Internetrecherchen besonders aufgefallen: Zimmer für 30 Pfund / Woche kurzfristig zu vermieten. Ich tippe mal auf einen Einbauschrank in einem Durchgangszimmer, in dem man nur im Stehen schlafen kann und im oberen Drittel sogar noch ein wenig Stauraum für das Notwendigste hat. Zu gerne hätte ich hier mit einem Foto gedient aber, die Zeit habe ich dann doch lieber sinnvoll genutzt, weil ich eh kein Bock hatte, im Schrank zu schlafen.

Mein erster Besichtigungstermin führte mich an einem Freitagabend nach Tottenham. Der laut Anzeige nah gelegene Park war ein als Freizeitpark getarnter Schallschutzpuffer zur angrenzenden Stadtautobahn. Die nächsten Einkaufsmöglichkeiten befanden sich in einem Gewerbegebiet und konnten erlaufen werden, Bus und U-Bahn Station ebenso. Das Haus teilten sich sechs Mieter verschiedenster Herkunft. Die Wohnqualität ließ zu wünschen übrig. Das angepriesene Zimmer war lieblos möbliert, unrenoviert und befand sich im Erdgeschoss unmittelbar angrenzend an Küche und Wohnzimmer. Als mir der tolle Garten gezeigt wurde, brutzelte sich gerade ein Italiener in der Küche Spiegeleier. Im Wohnzimmer gab es ein paar angeranzte Sitzgelegenheiten und einen Kamin für besinnliche Augenblicke oder heitere internationale Feiern mit den restlichen Mitbewohnern, die sich einen Dreck um die anderen scherten. Als ich die Französin fragte, ob sie auszieht weil sie wieder in ihre Heimat zurückgeht verneinte sie und meinte nur, dass sie hier einfach nur ausziehen wolle und ehrlich gesagt, ich konnte sie verstehen. Als ich auf dem Rückweg dann noch mit dem Minirad ein bisschen durch die Strassen gondelte und mir einen Eindruck von Land und Leuten machte, wusste ich: Nie wieder Tottenham.   

Diese brachialen Eindrücke wurden dann bei weiteren Besichtigungsterminen sinnvoll ergänzt. Beispielsweise empfing mich in Clapham ein leicht angekiffter Mieter und zeigte mir in einem idyllischen Hochhausareal die zu vermietende Absteige. Zwei Straßen weiter wurde ich mit fünf weiteren Mitbewerbern konfrontiert. Mein Gott, dachte ich, muss das ein attraktives Zimmer sein, wenn die Leute hier schon Schlange stehen. Es war natürlich auch nur ein Rattenloch aber was die Tucke beim Besichtigungstermin für einen Wind deswegen gemacht hat, stand in keinem Verhältnis, zumal es hier nicht mal ein Wohnzimmer gab. Erst erklärte der Martin den monatlichen Putzplan und dann sollte jeder der Kandidaten seinen Namen und Telefonnummer aufschreiben. Dann wollten die drei WG-Herren sich abends beim „Gott spielen“ entscheiden, wen sie denn nun in ihre tolle Wohnung einziehen lassen. Wie großzügig. Am Abend kam dann auch die Absage vom Martin. Danke Martin, dass du mir für dieses Zimmer abgesagt hast. Ehrlich und aufrichtig DANKE und noch weiterhin viel Spaß in eurer komischen Männer-WG. Wer weiß was ihr da immer für Sauereien treibt. In Richmond war ich bereits eine halbe Stunde vor Termin anwesend und checkte die Gegend. Anschließend sagte ich per SMS ab weil’s ein Dorf war und in mitten der Einflugschneise vom Airport Heathrow lag. Irgendwann nervte das natürlich auch alles und so beschloss ich, mir noch ein letztes Zimmer in South Lambeth anzuschauen, bevor ich dann doch in Wembley zugesagt hätte.  

In Erwartung einer Hundehütte war es aber bis dato und mit Ausnahme von Till’s Landhaus endlich mal was zum Wohlfühlen. Eine kleine nette Wohnung auf zwei Etagen mit Garten und relativ ruhig in einer Seitenstraße gelegen. Bus, U-Bahn, Internetcafe, Reinigung, Friseur, Kebabbude und ein paar Lebensmittelmärkte in der Nähe. Die monatliche Miete von 412 Pfund beinhaltet ein möbliertes Zimmer (5m²) zum Schlafen und Ankleiden sowie die Nutzung aller Gemeinschaftsräume und des Fernsehers. Hinzu kommen anteilige Pauschalen für Strom, Gas, Wasser und Council Tax. Kommt man pro Monat auf stolze 750 Euro. Meine Flatmates sind zwei britische Mädels (1x Wales, 1x England) in den Mittzwanzigern. Demzufolge wird hier auch nur Englisch gesprochen, was ein weiterer Pluspunkt ist, zumal ich ja auch hier bin, um irgendwann mal verhandlungssicheres Englisch zu beherrschen. Und zu guter Letzt reduzierte sich von hier aus auch meine Anreise zur Schicht um Einiges. Am nächsten Tag kam dann auch die Zusage, worüber ich natürlich sehr erbaut war. So konnte ich mich einer weiteren Sorge entledigen und zog dann an einem Samstag im September in das Planquadrat SW8 1BH. Mein erster Anschiss im Haushalt folgte ein paar Tage später, und zwar schriftlich. Tee und Kaffee ins falsche Regal gestellt, Waschpulver geklaut und `ne Packung antibakterieller Feuchttücher aufgeschnitten, obwohl es dafür eine wieder verschließbare Öffnung gibt, damit die Dinger nicht austrocknen. Der Brief hat einen Ehrenplatz in meinem Zimmer bekommen und die Mädels haben sich auch wieder beruhigt. Die Hausarbeit wird geteilt, Abwaschberge sind ein Fremdwort und ab und zu hängen wir uns sogar die Wäsche gegenseitig auf. Insgesamt ist das ganz okay hier. Sicherlich werde ich hier aber auch nicht ewig bleiben, weil’s für die Kohle auch noch was Besseres gibt. Darum werd ich mich aber im nächsten Jahr kümmern.

Und damit die Mutti weiss, das der Junge gut untergekommen ist, gibt's nachfolgend eine ausfuehrliche Fotogalerie.

Meine Reinigung
Meine U-Bahn Station
Mein Supermarkt
Meine Kebab-Bude
Mein Internetcafe
Meine Spaetverkaufmeile
Blick nach rechts aus meinem Zimmer
Blick nach links aus meinem Zimmer
Direkter Blick aus meinem Zimmer
Mein Rattenloch
Das Bett in meinem Rattenloch
Mein Bad
Meine Kueche
Mein Arbeitszimmer
Mein Wohnzimmer
Mein Garten

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