Die Krauts

London, November bis Dezember 2005

Auszug aus der Londoner Tube Map

Besuch wünschte ich mir irgendwann natürlich und er kam auch. Der erste war Onkel Ralf, der hier anlässlich der Tourismusbörse beim Messebau für 14 Tage seinen Job erledigte. Der erste Abend ist schnell erzählt. 20 Uhr Treffpunkt London Bridge, gegenseitiges Auftauen nach dem 2. Pint, Labern, Fotos mit der Tower Bridge im Hintergrund und Verabredung zum kulturellen Ausflug am nächsten Tag. In der Tube Station Bank trennen sich um Mitternacht unsere Wege. Für Ralf geht’s mit der Central Line in den Norden. Trotz erhobenen Zeigefingers („Ralf nicht wegknacken, in 3 Stationen musst du aussteigen!) sacken auch dieser gestandenen Größe die Augen zu und gehen statt wie vorgesehen in Stratford (Zone 3) erst 10 Stationen später in Epping (Endstation in Zone 6) wieder auf. Das kleine Malheur wird mit einer Taxifahrt bereinigt. Ich nehme die Route in den Süden und schaue auf dem Heimweg noch beim „Taste More“ auf eine Take-Away-Portion Fritten rein. Es ist ein geiles Gefühl, eine große und fettige Portion Pommes Rot Weiß im Bett zu reißen und danach für ein paar Stunden in den wohlverdienten Tiefschlaf zu fallen. Am nächsten Tag ist uns eher nach frischer Luft statt einem Besuch in der Tate Modern. Deswegen geht’s mit dem Boot mal wieder zum Nullmeridian nach Greenwich. Auf dem Oberdeck lassen wir uns eine kräftige Seebrise um die Nase wehen, verziehen uns dann aber doch ins beheizte Unterdeck und warten in den bequemen Polstermöbeln, bis der Kahn anlegt. Nach dem obligatorischen Besuch des königlichen Observatoriums geht’s ins „Green Village“ zum Abendbrot essen. Das „Green Village“ ist ein Restaurant, welches unter der Fuchtel eines aufdringlichen Zyprioten steht. Der geschmacklose Kitsch an den Wänden soll gemütliche Atmosphäre vermitteln, schafft es aber nicht. Der Hausherr empfiehlt und serviert uns höchst persönlich das traditionelle und leider auch lauwarme Roastbeef und geht uns danach mit seinen Nachtischempfehlungen und pausenlosem Nachgeschenke auf die Eier. Der Mann beweist fehlendes Fingerspitzengefühl für die Stimmung seiner Gäste. Mann Alter, wir sind mauke, wollen etwas entspannen, in Ruhe essen und wenn wir noch etwas brauchen, geben wir Bescheid, verstehst de? Zum Abschluss des Abends lassen wir uns auf der Bricklane in der Vibebar noch von leichter Varietekost berieseln und gehen zeitig in die Falle.

Liverpool Street Station

Das zweite bekannte Gesicht aus der Heimat war Eva, die zu Besuch bei Franka weilte. Unsere Verabredung am Haupteingang der Liverpool Street Station fiel zeitgleich mit einer Bulleneskorte für Chelsea-Fans. Es passierte aber nichts weiter. Alles blieb friedlich. Leider hatten wir nur wenig Zeit, etwas gemeinsam zu unternehmen. So blieb es dann lediglich bei einem kurzen Pub Besuch, der aber sehr nett war. Irgendwie war der eine dem anderen ein dankbarer Gesprächspartner. Ich wäre noch sehr gerne mit zum Konzert gekommen, aber leider musste ich am Abend Schindern gehen.



Für den Dezember hatten sich anlässlich des diesjährigen Madness Konzerts legendäre Fußballgötter für ein langes Wochenende angekündigt. Andi S., Berliner Urgestein und neben Reinhold Mathis und Ralf Strässer die bekannteste Größe der DDR-Oberliga und mittlerweile Präsident vom 1.FC Union Berlin. Jens, der einst als Knirps den Ball gegen die Blechgaragen seiner polnischen Heimatstadt wummerte und Dank seines fehlerlosen Talents mittlerweile Kapitän beim FC Barcelona geworden ist. Fluschke, unser Junge vom Hamburger SV und „Qualität kommt von Qual.“ Urheber. Hämmerte 1983 im Finale gegen Juventus Turin bereits in der 8. Minute den Ball zum 1:0 Endstand in den Winkel und bescherte den Norddeutschen somit eine ihrer größten Sternstunden (Europapokalsieger der Landesmeister). Verdient gerade seine Brötchen mit der weltweiten Synchronisation der HSV-DVD “Jahrzehnte der Leidenschaft“. Jason, schoss im Winter 2002 im Alleingang die Bayern ab und wurde zusammen mit den Piraten vom FC St. Pauli somit zum Weltpokalsiegerbesieger. Jetzt Kiezgröße und Vermarkter von asiatischen Fußball-Animes. Und zu guter Letzt Mario (mit Spielerfrau Silvi), gelernter Volleyballer und mittlerweile deutschlandweiter Beschaller für die Spiele von West Ham United und dem englischen Nationalteam. Ich will hier gar nicht weiter groß ausholen. Euch um mich zu haben, war ein unheimlich gutes Gefühl. Keiner hat es bemerkt, aber oft genug standen mir in diesen Tagen die Tränen in den Augen. Insbesondere vor dem ersten Wiedersehen und beim Abschied. Es war eine Mischung aus temporärer Glückseligkeit und eigener schwerer Seele. Ich merkte, was mir hier ganz besonders fehlt - alle meine Freunde. Die gemeinsame Zeit schlugen wir mit Pub Besuchen, der WG Feier bei Franka, einem Ausflug nach Wimbledon zum ortsansässigen AFC (ein regnerischer kalter 0:0 Grottenkick gg. Leyton) und natürlich mit dem obligatorischen Greenwich-Besuch tot. Sehr sehr schön war es mit Euch und noch schöner dass ihr da wart – Balsam für meine geschundene Seele.

Bei Andi an der Alten Försterei
Camp Nou von Jens
Fluschkes Arena
Bei Jason am Millerntor
Am Boleyn Ground der Mario-Hammers


Im Übrigen, der Begriff Krauts ist ein meistens abwertend gemeintes englisches Synonym für die Deutschen. Es war vor allem während des Zweiten Weltkrieges gebräuchlich. Das Wort leitet sich vom Sauerkraut ab, das nach einem weit verbreiteten Klischee die deutsche Nationalspeise sein soll. Meiner bescheidenen Meinung nach ist dieser Kosename mittlerweile überholt, weil sich die Zeiten und auch die Esskultur geändert haben und ich Sauerkraut auch nicht unbedingt als die nationale Spezialität ansehe. Da gibt die deutsche Küche doch wesentlich mehr her als das blanke Kraut – z.B. Hacksteak mit Spiegelei, Mischgemüse, Kartoffelpüree und Soße. Da kann eh kein Roastbeef mithalten.

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