Ealing

London, Anfang November 2005

Nach 5 Wochen war auch beim zweiten Architekturbüro Sense. Die an mich gestellten Erwartungen konnte ich nicht erfüllen. Das erste (und für mich auch letzte) Projekt hatte es in sich. Selbst in der deutschen Baubranche hätte ich Probleme gehabt, dieses Projekt rein fachlich zu verstehen. Demzufolge litt auch die Qualität meiner Arbeit - Zeichnungen erstellen/vorbereiten, wo teilweise noch nicht einmal die Architekten wussten, wie sie knifflige Details lösen. Erst als ich dann das Arbeitsmodell gebaut hatte, kapierte ich die geplanten Rekonstruktionsmaßnahmen der „Mall“ im südenglischen Southampton. Aber da war es leider schon zu spät. Der Boss hatte entschieden, einen anderen Zeichenknecht zu rekrutieren, um die Projektabläufe nicht zu gefährden. Und ehrlich gesagt, ich hatte auch die Schnauze voll, den ganzen Tag am Rechner mit AutoCAD rumzufummeln. Dafür gab’s aber nicht so eine stillose Entlassung wie im ersten Büro. Eine Abschiedskarte der Kollegen mit handsignierten Danksagungen und Glückwünschen für das weitere Leben und ein informatives Buch über die architektonischen Highlights der Empire Hauptstadt waren zumindest für den Augenblick eine aufmerksame Anerkennung für meine geleisteten Dienste. Einer der Architekten nahm mich an meinem letzten Tag dann auch noch mal zu Seite und teilte mir bezüglich meiner unfairen Kündigung seine ganz persönliche Meinung mit und klärte mich bei dieser Gelegenheit auch gleich über diverse Eigenarten vom Boss auf. Trotz alle dem, das Ding war gegessen und ich brauchte jetzt bald wieder Arbeit, um die monatlichen Fixkosten zu decken.

Call Center Agents bei der Arbeit

Den Garderobenjob hatte ich ja noch und ließ mir jetzt auch mehr Schichten als üblich reindrücken, was aber bei Weitem immer noch nicht reichte, um durchzukommen. Und so biss ich für drei Wochen in den sauren Apfel und heuerte im westlichen Stadtbezirk Ealing als Call Center Agent an. Was für ein Drecksjob. Aber wenigstens musste ich nichts verkaufen sondern nur Kundenumfragen durchführen. Das ging einigermaßen. So wurden Barclay Kunden über ihre Kreditkartenzufriedenheit befragt sowie Lungenärzte und Allgemeinmediziner (während der Sprechstunden) zur Anwendung bestimmter Medikamente bei Asthmatikern. Die Krönung waren allerdings Umfragen zum Benzinverbrauch von Privatpersonen. Die Randbedingungen waren nicht gerade berauschend. Die „kalten“ Anrufe erfolgten wahllos und zur besten Fernsehzeit. Man stelle sich ein deutsches Durchschnittsehepaar vor, was nach einem harten Arbeitstag gemütlich im ballonseidenen Trainingsanzug vor der Flimmerkiste sitzt, sich in der 20.15 Uhr Tagesschau über die Ereignisse des Tages informiert und sich auf den nachfolgenden Film freut. In diesem Augenblick klingelt das Telefon. Wer ruft denn jetzt noch an, wer kann das denn sein? Es ist eine nette, freundliche Stimme, die um die Teilnahme an einer 20-minütigen Benzinumfrage bittet. Das Feedback war umwerfend. Was ich mir da teilweise anhören konnte war einfach nur demotivierend. Ich konnte die Leute verstehen, aber ich musste meinen Job machen. Da das Call Center für die Durchführung der Umfragen auch eine entsprechende Qualität sicherstellen musste, kam es vor, dass man stichprobenweise abgehört wurde. Weitere Kontrollmechanismen gab deren Überwachungssoftware her – wer am Rechner mehr als 60 Sekunden untätig blieb, wurde dem Vorgesetzten gemeldet. Hinzu kam die veraltete Ausstattung der Arbeitsplätze – alte DOS Kisten und Stühle, auf denen man sich Rückenschmerzen holte. In der Männertoilette gab’s nicht mal Pissoirs sondern lediglich 2 Boxen für ca. 35 Kollegen pro Schicht a 3 Schichten pro Tag. Möchte nicht wissen wie viele davon auf die Brille geschifft haben. Bei den Supervisors handelte es sich teilweise um Wichser, die das Personal herabwürdigend zur Fließbandarbeit antrieben. Andere glänzten wiederum durch ihr Verständnis für den harten Job, erinnerten aber optisch eher an Hardcorepädophile, die kleine Kinder mit Eis oder Schokolade in den Keller locken und sich dann an ihnen vergehen. Von der schlechten Bezahlung will ich gar nicht erst reden. Wenn Du in diesem Laden in einem Raum mit 50 anderen Mitarbeitern (Italiener, Franzosen, Engländer, Holländer und Deutsche) täglich für 8h am Telefon hängst und immer dieselben Fragen stellst, bist du danach einfach durch. Es kam auch vor, dass ich direkt nach Feierabend vom tiefsten Westen mit der U-Bahn gleich in den Nordosten gondelte, um im Club noch eine Garderobenschicht bis früh um 3 Uhr einzulegen. Tagsüber im Call Center telefonieren und in der Nacht die ganzen Trunkenbolde ertragen. Es war übel. Vom Bauingenieur zum billigen Tagelöhner. Ich fühlte mich vergewaltigt. Einziges Trostpflaster – ich habe im Call Center sehr nette Kollegen (Donatella, Martin, Jaron u.a.) kennen gelernt. Schade, dass wir uns in London nicht mal eher über den Weg gelaufen sind.

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