London, September 2005
Die ersten Wochen verbrachte ich hier intensiv damit, mir einen festen Job zu suchen. Dank eines abgeschlossenen Studiums und geschummelter 7jähriger Berufserfahrung dachte ich mir, dass ich vielleicht in der boomenden UK Baubranche in einem Architektur- oder Ingenieurbüro am Schnellsten Fuß fassen könnte. Um einen einigermaßen passenden Job zu bekommen, wendet man sich hier in erster Linie an professionelle Agenturen, die für die Ware Arbeitskraft von den Firmen gutes Geld kassieren und somit logischerweise daran interessiert sind, das Personal schnell am Fließband zu platzieren. Hat man erstmal seinen Lebenslauf hingeschickt, kann man eigentlich darauf warten, dass das Telefon demnächst klingelt und weitere Details abgefragt werden (Verfügbarkeit, Referenzen, Gehaltsvorstellung). Irgendwann bekommt man dann auch ein paar Vorstellungsgespräche zugeschanzt oder auch nicht.
Da hatte ich zum Beispiel ein schönes Erlebnis im tiefsten Osten von London. Bevor das Bewerbungsgespräch überhaupt losging, wurde ich auf meine laut Lebenslauf exzellenten Kenntnisse im Umgang mit der Zeichensoftware AutoCAD getestet. Ultranervös sollte ich primitive Aufgaben lösen und versagte jämmerlich. Kurz gesagt, ich hatte einen totalen Blackout. Ein Beispiel zum Vergleich: Wem nach jahrelanger Benutzung des allseits bekannten Schreibprogramms MS Word plötzlich die Fähigkeit abhanden kommt, den Schriftgrad von 10 auf 12 zu ändern, befindet sich in derselben Situation. Das eigentliche Interview fand daraufhin auch gar nicht erst statt. Der Test wurde nach 10 Minuten abgebrochen. Guten Tag und Auf Wiedersehen. Alles Gute und vielleicht ein anderes Mal.
Dann verschlug es mich nach Ashford, ein Kaff im Südwesten, das man nur mit dem Zug erreicht. Und auch hier wurde ich auseinander genommen. Die Saubande gab mir ein paar Aufgaben, die ich in aller Ruhe am Rechner lösen sollte, ohne dass mir dabei jemand auf die Finger schaut. Ich löste die Aufgaben und war mir meiner Sache eigentlich ziemlich sicher, den Test bestanden zu haben. Tja, nach 20 Minuten wurde mir dann allerdings bescheinigt, dass das Adjektiv „excellent“ im Zusammenhang mit meinen tollen Zeichenkünsten im Lebenslauf deplatziert ist. Und welche Frage stellt sich hier dem kritischen Leser? Wieso ist meine Pfuscherei aufgeflogen? Brandon aus Zimbabwe hat parallel an einem anderen Monitor beobachtet, wie ich rumeiere. So checkt man Bewerber. Nicht schlecht. Das nachfolgende Interview legte ich wie gewohnt sicher im gebrochenen Schulstotterenglisch ab. Was für ein Gesellenstück. Überraschenderweise habe ich trotz der festgestellten Mängel den Job dann doch bekommen. Zeichenknecht in einem 120 Mann starken und straff organisierten Architekturbüro. Was Besseres hätte mir zum Anfang eigentlich nicht passieren können. Nach zwei Wochen hatte sich der Nervbatzen Jobsuche also erstmal erledigt.



