London, 2005
In London werden täglich drei Millionen Menschen mit der U-Bahn weggekarrt, mit dem Bus sind es sogar sechs Millionen. Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit drücke ich mich jeden Morgen für fünf Stationen in die bereits überfüllte Northern Line. Blickt man in der Rush Hour vom Queens Walk in Richtung Westen, kann man sehen, wie ein Strom von Geschäftsleuten und Gastarbeitern in dunkel gehaltenen Anzügen wie Lemminge über die London Bridge zur Arbeit hetzt. London ist groß, schnell, laut, teuer und anstrengend und natürlich gibt es hier wie überall viele nette Leute aber auch ein Haufen Wichser. Indische Busfahrer können einen zur Weißglut bringen, insbesondere wenn man in Eile ist. Ruhe und Frieden findet man in den unzähligen Parks der Stadt oder am Themseufer. Das Bier wirkt hier stärker und schneller. In englischen Badezimmern gibt es keine Steckdosen. Sonntags kann man auf der Bricklane für 200-300 Pfund seinen Reisepass verticken und geklaute Fahrräder kaufen. Und die Pubs und Restaurants machen bekanntlich dicht, wenn in Rest-Europa die Vorspeise bestellt wird.
Wissenswertes dazu: Als das bereits damals wahnsinnige Deutschland versuchte den englischen Abwehrriegel zu knacken, wurde diese Bestimmung im Jahr 1915 zur Stärkung der britischen Kriegsanstrengungen eingeführt. Nicht selten erschienen die Munitionsarbeiter morgens mit 3.8 im Kessel in der Fabrik - so konnte man gegen die Krauts natürlich nicht ankommen. Deshalb beschloss das Unterhaus: Zapfenstreich um 23.00 Uhr. Um 22.50 Uhr ertönt der gefürchtete Ruf: „Last orders!”, um 23.00 Uhr wird der Zapfhahn zugedreht, und bis 23.10 Uhr muss man ausgetrunken haben. In der Vergangenheit blieb das auch für die öffentliche Ordnung nicht ohne Folgen: Nach dem letzten Drink wankten überall im Lande ungefähr zur gleichen Zeit Betrunkene auf die Straße - und gingen nicht selten aufeinander los. Die Polizei war dann regelmäßig überfordert, weil sie unmöglich an so vielen sozialen Brennpunkten gleichzeitig sein konnte. Mittlerweile hat die Queen höchst persönlich, im vollen Ornat und mit funkelnder Krone auf dem Kopf, die Abschaffung der festen Öffnungszeiten verkündet. Künftig soll also alles so werden wie auf dem Kontinent, und das ist für das traditionsbewusste England schon etwas Besonderes.






