London, 21. bis 22.12.2005
Auf dem Weg zum letzten Cloak Check fällt mir in der U-Bahn eine Frau auf. Ich schätze sie auf Mitte 30. Sie trägt einen edlen Businesszwirn, ihre Handtasche hat sie auf ihrem Schoß platziert. Sie schläft, ihre blonden halblangen Haare hängen ihr ins Gesicht, sie sieht etwas blass aus. Ich vermute, dass sie nach der Arbeit mit Alkohol rumgespielt hat. Ein paar Sekunden bestätigt sich meine Vermutung. Es überkommt sie ein unangenehmer Brechreiz mit deutlich sichtbarem Erfolg. Uuaarrgghh. Sie bekotzt sich im Sitzen ihre Klamotte, reihert in ihre Handtasche und auf den Fußboden. Ihre Banknachbarn links und rechts springen von ihren Sitzen auf. Ein Mann, der eben noch neben ihr saß, steht mir jetzt gegenüber. Die Ärmel seines schwarzen Mantels sind mit ihrem hellen Kotter besprenkelt. Und weil es so schön war gleich noch mal. Uuaarrgghh. Und jetzt steht sie auf und wankt Richtung Tür. Aber sie muss sich mit ihren voll gekeimten Händen an den Haltestangen festhalten. Und jetzt gibt’s noch mal eine Ladung im Stehen. Uuaarrgghh. Dann wankt sie weiter zur Tür und rutscht mit ihren Absatzschuhen fast aus, kann sich aber gerade noch so an der Tür abfangen. Ein Schwarzer reicht ihr eine Plastiktüte. In Old Street Station steigt sie aus und ich auch. Die hässliche Szene hat endlich ein Ende. Ihr Engländer habt schon eine komische Trinkkultur. Maßlos besaufen und sich dann wie die Tiere benehmen. Einfach widerlich.

- Der Tresen im Club
Mein letzter Dienst im Club verläuft unspektakulär. Wie gehabt nehme ich die Jacken und Taschen der Gäste in Empfang und mache nebenbei noch etwas Trinkgeld. Nach Dienstende verabschiede ich mich vom Manager und von den Kollegen an der Bar. Statt zu gehen, nehme ich mit den Jungs noch ein paar Shots und tausche E-Mail Adressen aus. Als wir gehen wollen, gibt’s überraschenderweise noch einen Security Check. Alle Taschen auspacken und den Inhalt auf den Tresen legen. Ich werde als Vorletzter gefilzt. Es stellt sich heraus, dass privates Bargeld vor Dienstbeginn beim Management abzugeben ist, um es im Tresor zu verwahren. Ich hatte dies vorher mal so zwischen Tür und Angel mitbekommen, mir aber diesbezüglich nie wieder Gedanken darüber gemacht. Jetzt musste ich es aber, weil ich wusste was kommt. Warum hast du 55 Pfund dabei? Klugerweise hatte ich vorher mein eingenommenes Trinkgeld in Pfundnoten getauscht und es zu meinen anderen Scheinen gepackt. Ein Sack voller Münzen fällt einfach auf. Niemand schleppt soviel Münzen mit sich herum. Wer es doch tut, macht sich verdächtig, den Club zu bescheißen. Ich erzähle die Geschichte, dass es mein letztes Geld für die morgige Abreise ist und das ich das Geld nicht zu Hause lassen könne, weil ich meinen Mitbewohnerinnen nicht mehr traue. Außerdem ist es mir total neu, die Privatkohle abzugeben, wenn man den Laden zum Arbeiten entert. Nach mehrmaliger Wiederholung meiner Begründung kann ich dann endlich meinen Kram zusammen packen und gehen. Mann oh Mann, so ein scheiß Stress hier noch zum Schluss. Bin froh, dass ich hier nicht mehr arbeiten muss. Im Nachtbus fallen mir die Augen zu. Als ich wieder zu mir komme, gibt’s die nächste Bescherung: Clapham Junction, Endstation. Na super. Eingepennt und somit die richtige Station verpasst. Die Morgendämmerung setzt auch schon ein. Eine Stunde später bin ich dann endlich in Vauxhall in meinem Bett.
Nach ein paar Stunden Schlaf packe ich meine restlichen Klamotten und verpasse meinem Rattenloch mit Staubtuch und –sauger den letzten Feinschliff. Da ich ja auch kein Unmensch, stelle ich meinen Ex-Flatmates noch Schokoladenweihnachtsmänner auf den Küchentresen, lege die Schlüssel und einen netten Abschiedsbrief dazu. Obwohl das Verhältnis zu den Mädels immer distanzierter und kälter wurde, will ich mich hier trotzdem im Guten verabschieden, a) weil ich es generell besser finde und b) aus purer Berechnung. Die beim Einzug gezahlte Kaution (immerhin 670 Pfund) gibt’s erst zurück, wenn es einen Nachfolger für mein Rattenloch gibt. Außerdem sollen mir die Mädels meine Post nach Deutschland schicken. Am Nachmittag fährt dann das bestellte Minicab vor. Ich beschließe spontan, mich nicht mit dem ganzen schweren Zeug ab Victoria Station rumzuplagen sondern gönne mir zum Abschluss dieser glorreichen 4 Monate einen persönlichen Zubringer nach Stansted, der allerdings auch seinen Preis hat. Aber in diesem Moment ist es mir egal. Ich will jetzt nämlich nur noch eins: Nach Hause.



