Ticket 1-61

London, Oktober 2005

Da mein Hauptjob in der Probezeit noch nicht das große Geld abwirft und ich auch nicht jeden Pfund umdrehen möchte, bevor ich ihn ausgebe, musste ich mir noch nebenbei was suchen. So beschaffte mir Bayerns Stern des Südens einen Nebenjob in einem Club. Entsprechende Referenzen (Grill, Bar, Garderobe) konnte ich vorweisen. Da ich Bar schon immer ziemlich stressig fand, entschied ich mich für den Anfang, erstmal die Klamotten der Clubgäste in der Garderobe zu betreuen.

Nach einer kurzen Einweisung durch die Managerin lief die erste Schicht dann auch ganz gut. Der Andrang war groß und es gab viel zu tun. Als mir dann eine Frau das Ticket 1-61 für ihre Jacke überreichte, um diese abzuholen, musste ich nach mehrmaligem Vergewissern dann jedoch leider feststellen, dass ihre 300 Pfund Jacke aus meiner Hochsicherheitsgarderobe verschwunden war. „Oooooooooh fuck“ dachte ich und rief den Manager, der die Sache für mich klärte und mir dann anschließend den Kopf wusch. Der Abend war natürlich für mich gelaufen. Es war mir peinlich. Ich fühlte mich wie ein Vollidiot. Am ersten Abend als Garderobier die Jacke eines Gasts zu losen, macht ohne Frage keinen guten Eindruck. Sollte die erste Schicht auch gleichzeitig die letzte gewesen sein? Wer hat denn diesen unfähigen und inkompetenten Loser angeschleppt? Einer der Barkeeper fragte was los sei und nach dem ich ihm von meinem Malheur berichtete, meinte er nur, dass ich mir keine Rübe machen solle. So etwas kann passieren. Zum Feierabend versuchte ich dann beim Management mit mehreren Entschuldigungen noch zu retten, was zu retten war. Zur Krönung wurde noch jeder Einzelne des Personals in einem extra Raum von der Security einem Sicherheitscheck unterzogen. So was wird hier ab und zu und unangemeldet aus Gründen der Diebstahlprophylaxe gemacht.

Eine Woche später stand ich dann am Freitag und Samstag wieder hinter meiner Holzluke und wurde noch mal detailliert für diverse Problemfälle instruiert. Ich frage mich allerdings immer noch, wie das passieren konnte und bin bis heute leider zu keiner schlüssigen Erklärung gekommen. Letztendlich bleibt ohne Wenn und Aber in großen Lettern stehen: FEHLER VOM XXLFIGHTER!!! Und wer eine Eigenschaft von mir noch nicht kennt, dem sei an dieser Stelle gesagt: Ich hasse es, grobe Fehler zu machen und das war für mich definitiv einer. Seit dem habe ich in der Garderobe nie wieder eine Jacke gelost und passe auf wie ein Luchs, wenn voll gesoffene Nervbatzen an meine Luke wanken und nach dem „I’ve lost my ticket“ Spruch sofort anfangen mir zu erklären, wie die Jacke aussieht. Die Damen und Herren müssen dann erstmal warten, bis ich die anderen Gäste bedient habe. Und erst dann widme ich mich dem Problemchen. Abfrage der Initialen (diese werden zur Identifikation beim Abgeben auf meinem Ticket vermerkt), Abfrage der Farbe, Abfrage des Jackeninhalts, etc.. Im Zweifel rufe ich den Manager und gebe die Verantwortung ab. Beispielsweise, wenn die Damen die Tickets für ihre Handtaschen versielten.

Ein anderes Mädchen heulte mir strudeldicht die Ohren voll, dass sie ihre Jacke zusammen mit der ihres Freundes abgegeben hätte und dieser wiederum wäre jetzt schon mit seiner Jacke und dem gemeinsamen Ticket nach Hause gegangen und ich solle ihr doch jetzt bitte ihre Jacke geben. Sie wusste weder die Ticketnummer noch die dazugehörigen Initialen. Und ich kann nicht einfach ohne eine eindeutige Info eine Jacke rausgeben. Sie nervte weiter, ich riet ihr, sie solle ihren Freund wegen des Tickets anrufen. Dieser ging aber nicht ans Telefon. In ihrem Vollsuff schmiss sie ihr Handy auf den Boden, flehte auf Knien um ihre Jacke und quatsche dann noch die Runner und die Barkräfte mit ihrem Problem zu. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war es dann soweit, dass sich das Management um diesen Ehrengast kümmern musste. Es stellte sich heraus, dass ihre Jacke keinem gültigen Ticket zugeordnet werden konnte sondern als „Lost property“ bei mir abgegeben wurde. Insofern hatte sie Glück, dass ihre Jacke überhaupt noch da war und nicht von ihrem Freund in der Schiffrinne der Männertoilette versenkt wurde. Sobald ich in meinem Hauptjob mehr verdiene, werde ich den Job als Garderobier auf den Kleiderbügel hängen, und zwar ohne Ticket.

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