Trommelrevolver

London, Samstag, 17.12.2005, 09:30 Uhr

Obwohl ich eine anstrengende Nachtschicht in den Beinen habe, kann ich nicht mehr schlafen. Unruhig liege ich in meinem Bett, starre aus meinem Fenster in den Londoner Morgenhimmel und spüre dabei die kalte Zugluft, die unter meine Bettdecke kriecht. Mit dem Schall- und Wärmeschutz nehmen es die Briten ja nicht so ernst. Deswegen gibt es in meinem Zimmer in der Backsteinaußenwand auch ein Lüftungsgitter, was der Grund für meine kalten Füße ist. Ich stelle mir in diesen Minuten grundsätzliche Fragen und muss mir eingestehen, dass ich mich in dieser Stadt einfach nicht wohl fühle und immer unglücklicher werde. Ich will auch nicht an den Punkt gelangen, mich vor lauter Wohlfühlen mit zwei Flaschen Wodka, einem Trommelrevolver und debiler Musik für einen romantischen Abend in mein Zimmer zurückzuziehen. Nach der ersten Flasche anfangen, mit ihm (dem Trommelrevolver) zu sprechen und nach der zweiten abzudrücken. Nein, dafür bin ich nicht hier. Das will ich nicht, das brauche ich nicht. Es gibt hier nur eine Konsequenz. Das Unternehmen UK wird vorzeitig abgebrochen. Schluss Aus Basta. Mit derselben Konsequenz hier her zu gehen ziehe ich auch wieder ab. Irgendwie ist es für mich hier bis jetzt einfach nur dumm gelaufen. Relative gute Jobs verrissen, mit Dreckjobs durchgewurstelt, aus der Wohnung geflogen, zu wenig soziale Kontakte und Freunde gehabt, die Beziehung geht auch gerade den Bach runter und wenn ich an den scheiß Stress mit der Bank denke, wird mir immer noch schlecht. Ich habe hier nie richtig entspannt, immer unruhig geschlafen, fast jeder Tag war irgendwie immer stressig, weil irgendetwas immer war, dass ich entweder immer einen gewissen Druck hatte oder irgendetwas ungewiss war. Und hier bleiben um des hier bleiben Willens, weil ich mindestens ein Jahr hier voll machen wollte, empfinde ich unter diesen Umständen als sehr unklug. Geht nicht Gibt’s nicht, Geht nicht mehr Gibt’s aber auch.     

Mit diesem Entschluss fange ich an, schon ein paar Sachen zu packen und die ersten Mülltüten zu füllen. Die CD, die nebenbei läuft, lädt zum Mitgrölen ein und der Griff zur Luftgitarre bleibt auch nicht aus. Ich fühle mich sehr gut mit dieser klaren Entscheidung. In den nächsten Tagen werde ich gewissenhaft meinen Rückzug vorbereiten. Das Ticket ins solide Deutschland ist bereits gebucht. Ich überlege nur noch, ob ich im Januar noch mal herkomme und das restliche Material hole oder gleich alles mitnehme, dafür aber der Fluggesellschaft die Übergepäckgebühren in den Rachen schmeiße. Betriebswirtschaftlich nehmen sich beide Varianten nicht viel, letztere hat jedoch den entscheidenden psychologischen Vorteil, dass ich im neuen Jahr hier nicht noch mal her muss und die Sache somit abhaken kann. Deswegen wird jetzt auch komplett gepackt.

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